Now Reading
Ende eines Flughafens Teil 4

Ende eines Flughafens Teil 4

Abschied vom Flughafen

Wir stehen zu dritt eine Weile. Einer der beiden wird nicht mehr am Flughafen arbeiten, der andere nächste Woche in Schönefeld die Arbeit aufnehmen.

„So wie jetzt wird es nie wieder. Das Team war hier einmalig“, sagt der eine.  Am Sonntag arbeiten sie noch, dann wird dichtgemacht. Danach werde es Wachpersonal geben. „Damit sich hier nicht noch ein paar Leute Souvenirs holen.“

Meine Geschichte schafft es, mich auf die Besucherterrasse mitzunehmen. Die Sonne scheint, als wenn nichts wäre. Nur wenige Flugzeuge sind da. Einige Fotografen eilen aufgeregt umher. Wir gehen einmal rum. Wir sind uns vertraut, als lägen nicht Jahre dazwischen. „Wir oft warst du hier auf der Terrasse? „Drei Mal vielleicht.“ „Wenn ich mir vorstelle, was hier letztes Jahr noch los war und jetzt…“ „Ja, im Jahr 2019 hatten wir 24,3 Millionen Passagiere, gebaut wurde er für fünf bis sechs Millionen.“ „Wahnsinn.“

„Komisch, dass du das alles so liebst, wo du doch gar nicht gerne fliegst.“ „Ich liebe die Freiheit.“ „Das musst du mir nicht sagen. Ich werde nie das Gefühl vergessen, wie ich dich in Verona zur Bahn brachte. Das war der traurigste Abschied. Ich bin zurückgeflogen. Ich wusste, wenn die Bahn wegfährt, wirst auch du …“ Ich mach noch ein Bild von ihm vor dem Flughafen. Er lächelt. „Ich muss mich beeilen. Um drei muss ich bei der Kita sein.“ Er bringt mich zum Auto vor Terminal C. „Hab mich gefreut. Dass es so spontan war, fand ich besonders schön.“ „Ich weiß“, sagt er.

Zuhause lasse ich die Seite mit den Ankünften auf dem Computer bis Sonntag geöffnet. Ich aktualisiere immer mal. Ich warte am Fenster auf die Maschinen. Auf Radio Eins gibt es einen Nachruf von Gerhard Matzig, Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Durch Corona werde es keine Abschiedsparty geben. Man wolle den Flughafen dennoch würdigen, meint die Moderatorin. Matzig erklärt, dass das Besondere am Flughafen, die geschlossene Form ist. Dass man, wenn man aus dem Taxi steigt, nur kurze Wege hat, was heute aufgrund der Verkaufsstrategien und der verschärften Sicherheitsbedingungen nicht mehr möglich ist. Der Flughafen sei wie ein Sechseck gebaut, alles konsequent dieser Form unterworfen. Das Sechseck, das an Kristalle und Bienenwaben erinnert, taucht überall wieder auf, in Treppenhaus und Bänken. Bei der Eröffnung habe es sogar sechseckige Brillen gegeben, erzählt er.

Ich mache ein Bild, wie die Maschine im Spiegel durch das Wohnzimmer fliegt. Den Spiegel stelle ich am Sonntag in ein anderes Zimmer. Stattdessen klebe ich das Foto an die Stelle.  

What's Your Reaction?
Excited
4
Happy
0
In Love
3
Not Sure
0
Silly
0
View Comments (0)

Leave a Reply

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

© 2020 Katja Schrader

Scroll To Top