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Begegnung im Hotel

Begegnung im Hotel

Geschichte im Hotel

„Wir haben uns unterhalten“, sagt ein Mann, der im Foyer des Gästehauses Lütten Klein neben meinem Kind sitzt. Er ist braungebrannt, trägt Jeans, ein Hemd und ein selbstbewusstes Parfum. Ich hatte den Schlüssel zur Rezeption gebracht.

„War das in Ordnung, dass ich mit ihm gesprochen hab“, fragt das Kind.

Der Mann steht auf. „Eigentlich wollte ich vier Wochen bleiben. Nun sind es eine Woche und zwei Tage geworden. Ich breche hier den Aufenthalt ab. Das hat einen bestimmten Grund.“

„Aha.“

 „Ich hab hier eine Weiterbildung gemacht, oder besser angefangen. Heute Morgen bin ich in die Schule gefahren und hab sie abgebrochen. Ich hab einfach gesagt, was Sache ist. Gerade heraus. Die waren nett. Würden Sie verstehen, wenn jemand in Latein Dinge erklärt, von denen Du noch nie was gehört hast?“

 „Nein, sicher nicht.“

„Ach, bleiben wir beim Sie? Ist mir lieber. Sagen wir Sie.“

„Gut.“

„Ich bin 52. Die älteste Maus dort war 26. Überlegen Sie mal den Unterschied. Ich bin 52. Das passt nicht.“ Er zeigt mit den Händen einen Bereich, der den Unterschied verdeutlichen soll. Ein Paar geht durchs Foyer. Er spricht nicht weiter, bis sie die Tür verlassen. „Wissen Sie, es geht um Lymphdrainage. Haben Sie eine Vorstellung davon?“

 „Ja.“

 „Ich bin Masseur, einfach Masseur. Die Hüpfer dort sind Physiotherapeuten. Die wissen genau, wovon die Rede ist. Ich nicht. Ich sitze da und denke an was anderes.    Ich habe überall gearbeitet, drei Jahre in Tirol. Ich war flexibel. Die Leute, die ich kenne, haben Häuser, Kinder und einen Haufen Schulden und ich bin rumgezogen und hab richtig Kohle verdient. Und nun bin ich wieder zurück in der Heimat. Da leben die Eltern. Die werden mich irgendwann brauchen. Ist ja absehbar.“

„Na das ist sicher nicht leicht, wenn Sie so gern unterwegs sind.“

 „Wissen Sie, ich saß mit zitternden Händen in dieser Weiterbildung. So was ist nicht normal.“ Er streckt die Arme aus und wackelt mit den Fingern.

 „Gut, dass Sie aufgehört haben. Mutig.“

„Ja, das ist mutig. Was soll das denn? Ich bin Masseur.“

„Was ist mit dem Geld? War sicher teuer. Wollen Sie was Anderes dafür machen?“

„Das haben die mir ernsthaft angeboten. Eine Gutschrift. Nee, um Gottes Willen, `Lasst mich bloß damit in Ruhe`, hab ich gesagt. Sowas mach ich nie wieder.“

„Wann hört ihr endlich auf zu reden?“, fragt das Kind.

„Einen Moment noch. Ich hab einen Haufen Kohle, aber ein Kind hab ich nicht. Nicht, dass ich nicht wüsste, wie es geht, aber war eben nie so. Dafür hab ich Kohle.“

 „Ich hab ein Kind.“

 „Klar, ist auch gut. Aber nicht immer. Eine Freundin hat eins. Der Junge würde hier nicht so ruhig auf dem Sessel sitzen. Ich hätte sie geheiratet, aber sie hat das Kind. One- Night -Stand, so eine Geschichte. Also geht’s nicht mehr. Nicht falsch verstehen. Soll sie machen. Aber für mich geht’s dann nicht mehr. Der Junge ist jetzt neun und sie hat ihn nicht im Griff. Sie hätte mit mir zusammen sein können. Aber so nicht.“

„Ich muss jetzt los.“

 „Es regnet noch. Warte mal, ich komm mit. Ich frag mal, ob die hier einen Schirm haben.“ Er fragt. Kein Schirm.

„Der Regen macht uns nichts.“

„Ich geh jetzt zu Burger King. Ich geh da nicht oft hin. Aber heute muss es mal sein. Ich bin auch Fitnesstrainer, früher Bodybuilder. Nicht so gesund, aber heute muss es sein. Die Pommes sind verschieden bei Mc Donald´s und Burger King. Wissen Sie das? Was macht ihr jetzt?“

„Mal sehen.“

„Na dann, vielleicht sieht man sich ja noch mal.“

 „Vielleicht.“

Ein paar Minuten treffen wir ihn beim Bäcker.

„Da ist er wieder“, sagt der Junge.

Der Masseur schüttelt den Regen von der Jacke, nimmt die schwarze Kapuze ab. „Hast du was dagegen, dass ich meinen Kaffee mit euch trinke?“

 „Nein.“ Jetzt also doch „Du“. Er bestellt einen Pott. Die Verkäuferin ist netter zu ihm als zu mir. Sie kichert sogar.

 „Weißt du, auf dem Weg zu Burger King denke ich ein bisschen nach. Meine Mutter sagt, dass das Geld nicht die Rolle spielt. Die Seele ist wichtiger.“

„Na klar.“

„Ein eigenes Kind muss nicht sein. Eine Frau, die schon eins hat, kann ich mir vorstellen. Aber nicht eins, wie das meiner Freundin. Kinder lieben mich. Man sieht´s ja an deinem. Der Kuchen ist jetzt aber nicht sein Frühstück?“

„Und Burger King ist jetzt nicht dein Frühstück?“

 „Stimmt. Mach ich sonst nicht. Heute muss es mal sein. Ich brauch nicht unbedingt ein Kind, aber einen Ford Mustang, den brauch ich. Kennst du den?“

 „Nee.“

 „Echt? Kennst du nicht? Den Ford Mustang?“

„Nein.“

 „Machst dir nichts aus Autos?“

 „Doch, ich hab eins. Das fährt, sogar sehr gut.“

 „Was für eins?“

„Ein kleines weißes.“

 „Wir haben ein richtig schönes Auto“, stimmt das Kind mit ein.

 „Das muss er ja sagen. Ich verstehe. Jetzt fahre ich mit meinem großen Motorrad rum. Das ist richtig gut. Gefällt dir das?“

 „Weiß nicht. Ich wurde vor kurzem mit einem kleinen knatternden Motorroller durch Berlin gefahren. Das war schön.“

 „Ich geh jetzt mal zu Burger King. Vielleicht sehen wir uns ja noch mal. Aber ich denke, eher nicht. Viel Spaß noch.“

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© 2020 Katja Schrader

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